Am 26.04.2026 ist der Soziologe und Fanforscher Dieter Bott im Alter von 82 Jahren verstorben.
Dieter Bott gehörte zu den Pionieren der Fansozialarbeit und hat maßgeblichen Anteil daran, dass sich die Fanprojektarbeit dorthin entwickelt hat, wo sie heute steht.
Sein Wirken war geprägt von der Frankfurter Schule. Bei deren Hauptvertreter, dem Philosophen und Soziologen Theodor W. Adorno, studierte Dieter Bott in den 60er Jahren. Interdisziplinäres Arbeiten, Kritik an Machtstrukturen und sozialer Kontrolle waren für Dieter Bott in all seinem Wirken leitend.
Die Entstehungsphase der ersten Fanprojekte hat er sehr nah begleitet, teilweise auch bei diversen Neugründungen vor Ort mitgewirkt und Leitungsaufgaben übernommen. Dabei war er stets kritisch und hat die Wichtigkeit, strukturelle und konzeptionelle Gegebenheiten nicht als selbstverständlich hinzunehmen und diese stattdessen zu hinterfragen und dabei auch mal fordernd laut zu sein, immer wieder betont.
Er scheute keinen Diskurs, stellte unbequeme Fragen und suchte stets die inhaltliche Auseinandersetzung. Dabei ließ er sich weder von institutionellen Hierarchien noch von Autoritäten beeindrucken. Sein Denken war unabhängig, seine Haltung klar.
Viele Kolleginnen und Kollegen verdanken ihm wichtige Impulse, Inspiration und auch die Ermutigung, eigene Positionen zu entwickeln und zu vertreten. Es zeichnete ihn aus, dass er bei seinem Wirken an den verschiedenen Standorten stets den Blick für den Nachwuchs in der Sozialen Arbeit hatte und diesen immer förderte und immer wieder forderte.
Wir verlieren mit Dieter Bott nicht nur einen prägenden Wegbereiter, sondern auch einen leidenschaftlichen Mitstreiter.
Unsere Gedanken sind bei seinen Angehörigen und allen, die ihm nahestanden.
Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte (BAG) sieht den aktuellen Entwurf der neuen Stadionverbotsrichtlinien kritisch. Stadionverbote sind ein tiefer Eingriff in Entwicklungsprozesse junger Menschen und damit ein Thema, das unmittelbar mit dem sozialpädagogischen Auftrag der Fanprojekte verbunden ist.
Vorab möchten wir allerdings klarstellen: Diese Pressemitteilung steht in keinem Zusammenhang zu den Ereignissen der letzten Spieltage, sondern stellt eine Gesamtbetrachtung der in Überarbeitung befindlichen neuen Stadionverbotsrichtlinien dar.
Fanprojekte begleiten seit vielen Jahren die Entwicklung der Stadionverbotsrichtlinien und haben in diesem Prozess immer wieder auf die Bedeutung von Prävention und Verhältnismäßigkeit hingewiesen. Wir verstehen unsere Aufgabe darin, die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen positiv zu begleiten. Dies ist auch im Nationalen Konzept Sport und Sicherheit (NKSS) verankert.
Im aktuellen Überarbeitungsprozess der Richtlinien waren die Beteiligungsmöglichkeiten der Fanprojekte aus Sicht der BAG unzureichend. Zwar konnten wir zu den Folgen des im Januar vorgelegten Entwurfs Stellung nehmen und kritische Hinweise geben, eine echte inhaltliche Mitwirkung fand jedoch nicht statt. Auch bestehende Strukturen, Netzwerke und Fanorganisationen wurden nicht ausreichend einbezogen. Das Verfahren ist aus unserer Sicht kaum transparent: Es ist nicht nachvollziehbar, wer wann über welche Inhalte entscheidet und auf welcher Grundlage fachliche Perspektiven berücksichtigt werden.
Die sozialpädagogische Haltung der Fanprojekte unterscheidet sich grundlegend von einem rein sicherheitsbehördlichen Präventionsverständnis. Prävention bedeutet für uns auf Grundlage des SGB VIII (Kinder- und Jugendhilfegesetz), nachhaltige Verhaltensveränderungen durch individuelle Ansprache und Begleitung zu ermöglichen. Der bloße Ausschluss von Jugendlichen und jungen Erwachsenen erreicht dieses Ziel nicht. Gerade im Alter zwischen Jugend und Erwachsensein kann ein Stadionverbot die Persönlichkeitsentwicklung massiv beeinflussen und im schlimmsten Fall zu Rückzug, Verhärtung oder Misstrauen gegenüber rechtlichen Normen und Institutionen führen. Deshalb muss in jedem Einzelfall geprüft werden, ob pädagogische Maßnahmen nicht geeigneter und zielführender wären als ein Ausschluss.
Wir lehnen es deshalb ab, die Vergabe eines Stadionverbots ausschließlich an der Schwere der vermeintlichen Tat zu orientieren.
Die BAG fordert daher konkret:
Eine verbindliche Beteiligung von Fanprojekten, Fanbeauftragten und Fanorganisationen bei der Entwicklung von Kriterien für Stadionverbotskommissionen im Hinblick darauf, wann diese gut oder schlecht arbeiten. Ein bloßer Blick auf die Zahl der verhängten Stadionverbote reicht nicht aus.
Klare Maßstäbe dafür, wann pädagogische Maßnahmen eine Alternative zu einem Stadionverbot sind. Diese sind in den Richtlinien zu verankern.
Den Verzicht auf eine verpflichtende Mindestdauer von Stadionverboten.
Eine besonders sorgfältige Begründung bei Stadionverboten gegen Jugendliche und junge Erwachsene.
Die Möglichkeit für Betroffene, sich direkt an eine unabhängige Fachaufsicht oder Ombudsstelle zu wenden.
Stadionverbote dürfen nicht zu einem Instrument von Ausgrenzung werden. Sie müssen transparent, verhältnismäßig und zielführend begründet sein. Nur so können sie in einem sinnvollen Verhältnis zu den Zielen von Prävention, Entwicklung und gesellschaftlicher Teilhabe stehen.
Zur Leitfrage: „Wie gelingt sozialpädagogische Fanarbeit zwischen dem Stadion und der Alltagsrealität junger Fußballfans?“, trafen sich vom 23. bis 26. März 2026 120 Mitarbeitende der 71 Fanprojekte zu ihrer 32. Jahrestagung in Erfurt. Bereits am Montag konnten die bereits angereisten Fachkräfte zwischen Kiel und Freiburg, Mönchengladbach, Aachen und Cottbus an einem Vortrag zum Thema „Nur der RWE – Fußballfans im Visier der Stasi“ teilnehmen. Zudem gab es am Dienstagvormittag die Möglichkeit die Stadt Erfurt zu erkunden mit einer Führung zu dem Erinnerungsort „Topf&Söhne (Ofenbauer von Auschwitz)“ und einer Führung zur friedlichen Revolution in Erfurt 1989.
Doch nicht nur die Fachkräfte kamen zusammen. Auch Vertreter*innen aus Sport, Politik, Wissenschaft und Fanorganisationen waren am Dienstagnachmittag eingeladen. Begrüßt wurde auch die Ministerin für Soziales, Gesundheit, Arbeit und Familie, Katharina Schenk, deren Ministerium für die beiden thüringischen Fanprojekte den Landesanteil übernimmt. Die Ministerin betonte in ihrem Grußwort die Bedeutung der Jugendhilfe im Sozialraum Fußball. Grußworte hielten auch der Sportbeauftragte der Stadt Erfurt, René Hofmann, Eric Roda Gracia als Vertreter der DFL, Christina Gassner für den DFB und Michael Gabriel für die Koordinationsstelle Fanprojekte bei der dsj.
Danach stand dabei vor allem eines im Mittelpunkt: der intensive Austausch zu aktuellen Entwicklungen rund um den Fußball, Fankultur und unsere sozialpädagogische Arbeit. Neben einer Podiumsdiskussion zur Versachlichung der aktuellen Debatte rund um Stadionsicherheit und Fankultur mit dem Leiter der ZIS, Michael Madre, Stephanie Moldenhauer von der KoFaS, Christian Kabs vom Fanprojekt Dresden und Thomas Kirschner, Sprecher der Fanbeauftragten, bot die Tagung zahlreiche Workshops, u. a. zu Themen wie Distanzierungsarbeit, psychosoziale Problemlagen oder rechtliche Fragestellungen. Dabei wurde einmal mehr deutlich: Fanarbeit findet nicht nur am Spieltag statt, sondern begleitet junge Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenslagen. Dies verdeutlichte auch das Motto der diesjährigen Tagung – „Zwischen Anpfiff und Alltag“.
Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt war die Auseinandersetzung mit geplanten Verschärfungen im Bereich der Stadionverbote. Hier wurde aus fachlicher Perspektive kritisch diskutiert, welche Auswirkungen diese Entwicklungen auf die Fankultur und unsere Arbeit haben können.
Im Rahmen der Tagung wurde zudem eine weitere langjährig engagierte Persönlichkeit – Ralf Zänger ehemaliger Leiter des Fanprojekt Bochum, langjähriger Sprecher der BAG-Fanprojekte und Mitgründer der AG Quali – als Ehrenmitglied der BAG geehrt. Damit würdigte die BAG seinen besonderen Einsatz für die Entwicklung und Stärkung der Fanprojektarbeit in Deutschland. An dieser Stelle erinnern wir auch an die Ehrenmitglieder Heino Hassler und Ole Wolff, die ebenfalls 2025 posthum zu Ehrenmitgliedern ernannt wurden.
Ein besonderer Dank wurde außerdem Volker Körenzig, Sophia Gerschel und Sebastian Staneker ausgesprochen. Ihr Engagement im Zusammenhang mit dem Verfahren gegen das Fanprojekt Karlsruhe wurde von den Teilnehmenden ausdrücklich gewürdigt.
Die Jahrestagung machte deutlich: Die sozialpädagogische Fanarbeit steht weiterhin vor großen Herausforderungen, bleibt jedoch ein unverzichtbarer Bestandteil für ein respektvolles und solidarisches Miteinander im Fußball.
Großer Dank geht an das Fanprojekt Erfurt und den Ostverbund der BAG für die Organisation und Gastfreundschaft.
Wir haben in unserer Stellungnahme vom 17.11.2025 bereits unsere Haltung zu den in der Öffentlichkeit diskutierten Ansätzen erläutert.
Nach Verlautbarungen der Innenminister*innen der Länder hat sich die IMK darauf verständigt, die meisten der angedachten Maßnahmen nicht zu diskutieren und auch in nächster Zukunft nicht weiter zu verfolgen. Dies begrüßen wir und verdeutlicht: Die vielfältigen Protestaktionen in den Stadien und auf der Straße haben ihre Wirkung gezeigt und darauf aufmerksam gemacht, dass die Sicherheit in den Stadien in Deutschland nicht gefährdet ist. Diesbelegen nicht zuletzt die Zahlen der ZIS (Zentrale Informationsstelle Sport der Polizei) sowie der Bundespolizei.
Die Änderungen der Stadionverbotsrichtlinien stehen aber weiterhin auf der Agenda, ebenso die Verschärfung in Bezug auf die Mindestdauer und das verpflichtende Aussprechen eines Stadionverbots bei Einleitung eines Ermittlungsverfahrens. Auch die Idee einer zentralen Stadionverbotskommission sowie die verschärfte strafrechtliche und verbandsrechtliche Verfolgung des Verwendens von pyrotechnischen Gegenständen werden weiter verfolgt, zumal diese Maßnahmen im Aufgabenbereich von DFB, DFL und den Ländern liegen, und somit auch ohne Beschluss der IMK umgesetzt werden können.
Dazu möchten wir hervorheben: Bundesweite Stadionverbote sind kein Mittel zur Verringerung der Polizeieinsatzstunden und tragen auch nicht per se zur Prävention bei.
Wir plädieren deshalb weiterhin dafür, die Expertise der sozialpädagogischen Fanprojekte und der Fans als Expert*innen der eigenen Lebenswelt einzubeziehen. Auch hier wünschen wir uns mehr fachlichen Austauschund Transparenz.
Für Rückfragen stehen wir gerne zur Verfügung: info@bag-fanprojekte.de
Die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) der Fanprojekte zeigt sich enttäuscht über die Verurteilung der Mitarbeitenden des Fanprojektes Karlsruhe in ihrem Verfahren wegen Strafvereitelung.
„Dieses Urteil ist ein Schlag ins Gesicht unserer Kolleg*innen in Karlsruhe, für die Fußball-Fanprojekte und die gesamte Soziale Arbeit bundesweit“, bewertet BAG-Sprecherin Antje Hagel das Urteil.
Nachdem Mitarbeitende des Fanprojektes Karlsruhe zuletzt Strafbefehle über 120 Tagessätze á 60€ wegen Strafvereitelung bekamen, fand gestern die Verhandlung dazu statt.
Die Mitarbeitenden mussten sich bereits im Vorfeld mit einer angedrohten Beugehaft auseinandersetzen, da sie sich weigerten, eine Aussage bei der Staatsanwaltschaft Karlsruhe zu leisten. Sie sollten sich zu Vorfällen anlässlich einer Pyro-Aktion im Karlsruher Stadion äußern. Die Staatsanwaltschaft ging davon aus, dass die Mitarbeitenden aus Gesprächen zwischen den Konfliktparteien Hintergründe erfahren hätten. Ziel dieser vertraulichen Gespräche war es, intensive Reflektionsprozesse zu begleiten, um so eine Aufarbeitung des Geschehens zu ermöglichen. Dennoch warf die Staatsanwaltschaft den Kolleg*innen Strafvereitelung vor.
Das gestrige Urteil reduziert zwar die Höhe der Tagessätze, bestätigt aber den Tatvorwurf und stellt eine Zäsur für die Arbeit der sozialpädagogischen Fanprojekte sowie der gesamten Sozialen Arbeit dar. Wenn aus Sozialer Arbeit Straftaten konstruiert und diese verurteilt werden, dann wird der Sozialen Arbeit nachhaltig Schaden zugefügt!
Den Ausgang dieses Verfahrens sieht die BAG der Fanprojekte als Verpflichtung: „Der Fall Karlsruhe verdeutlicht die Notwendigkeit eines Zeugnisverweigerungsrechts für die Profession Soziale Arbeit. Den Reformbedarf des §53 StPO werden wir weiterhin unmissverständlich einfordern“, kündigt BAG-Sprecher Benjamin Belhadj an.
Die Soziale Arbeit hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten, nicht nur im Bereich der Fußball-Fanprojekte, stark weiterentwickelt. Vertraulichkeit, Parteilichkeit und Freiwilligkeit sind Grundpfeiler der Arbeit, die es zu schützen gilt, um weiterhin pädagogisch und präventiv dem gesetzlichen Auftrag nachkommen zu können. Nur mit der Möglichkeit, vertrauliche Gespräche mit Klient*innen zu schützen, ist eine nachhaltige Arbeit gegen Gewalt, Drogenmissbrauch und Diskriminierung denkbar.
Die BAG der Fanprojekte fordert daher nachdrücklich die Bundesregierung auf, sich diesem Thema noch in dieser Legislaturperiode anzunehmen und das Zeugnisverweigerungsrecht für die Soziale Arbeit gesetzlich zu verankern. Den nun verurteilten Kolleginnen und Kollegen in Karlsruhe wird versichert: „Die BAG der Fanprojekte steht geschlossen hinter euch, ein solcher Fall darf sich nicht wiederholen“, so Antje Hagel.
In einem Eineinhalbjährigen Prozess hat sich die Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte eine neue Struktur gegeben.
Zunächst möchte sich die BAG auch öffentlich noch einmal ausdrücklich bei Sophia Gerschel und Christian Keppler sehr herzlich für die jahrelange Arbeit als Bundesprecherin und Bundessprecher für die BAG der Fanprojekte bedanken. Trotz der immer größer werdenden Aufgabenfülle und den Herausforderungen gelang es ihnen immer alle anstehenden Aufgaben zu meistern und höchst transparent ihre Funktion auszuüben.
Es wurde in der Vergangenheit immer schwieriger und komplexer, die Rolle der Bundessprecherin und des Bundessprechers der Bundesarbeitsgemeinschaft aus dem eigenen Fanprojekt neben der eigenen Fanprojektarbeit zusätzlich auszuüben, wodurch sich niemand 2023 zur Kandidatur für die beiden Positionen stellte.
Als es dann im März 2023 keine Wahl geben konnte, war allen Beteiligten klar, dass es eines Organisationsentwicklungsprozesses bedarf, um die vielfältigen Anforderungen nach Innen und Außen bewerkstelligen zu können. Die gewählten acht Regionalverbundsprecher*innen überbrückten mit großartiger Hilfe von Sophia Gerschel die Vakanz bis Ende Mai 2024.
Kern des Ergebnisses der Neustrukturierung ist eine breitere Aufgabenverteilung und ein vergrößertes Vertreter*innengremium, bestehend aus jeweils drei Regionalverbund-sprecher*innen und sechs Delegierte aus verschiedenen Fachbereichen. In den Verbünden Nord, Ost, Süd und West wurden dementsprechend im Mai 2024 jeweils drei Personen als Regionalverbundsprecher*innen gewählt, wobei eine Kolleg*in nun aus dem Verbund den Arbeitsschwerpunkt auf bundesweite Aufgaben richtet.
Jeder Verbund hat dafür gewählt mit folgendem Ergebnis:
Südverbund:
Antje Hagel (Fanprojekt Offenbach) – bundesweite Aufgaben
Simon Albrecht (Fanprojekt Freiburg)
Daniel Metz (Kickers Fanprojekt Stuttgart)
Die weiteren delegierten Personen werden sukzessive benannt und veröffentlicht.
Wir bedanken uns hiermit zudem sehr herzlich bei allen Beteiligten an dem Umstrukturierungsprozess und bei allen Kolleg*innen aus den 70 Fanprojekten in Deutschland für ihr Vertrauen.
Staatsanwaltschaft Karlsruhe lässt Verfahren nicht ruhen:
Strafvereitelung gegen Fanprojekt-Mitarbeiter*innen steht im Raum –
Zeugnisverweigerungsrecht für die Soziale Arbeit nötiger denn je!
Es dürfte ein trauriges Novum in der Bundesrepublik Deutschland sein: Im aktuellen Rechtsstreit zwischen der Staatsanwaltschaft Karlsruhe und dem dortigen Fanprojekt hat die Staatsanwaltschaft zwar nun doch keine Beugehaft gegen die Fanprojektler*innen beantragt, setzt die Kolleg*innen jedoch weiterhin unter Druck. Es wird geprüft, ob ein Verfahren wegen des Verdachts der Strafvereitelung eröffnet wird. Weil sie das besondere Vertrauensverhältnis zu ihrer Zielgruppe, wohl dem zentralen Grundpfeiler der Sozialen Arbeit, nicht auf das Spiel setzen können und wollen, sind hauptamtliche Mitarbeitende aus diesem Bereich weiterhin mit rechtlichen Konsequenzen bedroht. Und das nur, weil sie kein Zeugnisverweigerungsrecht besitzen.
„Es ist absurd, dass die Staatsanwaltschaft hier keine Ruhe geben will“, erklärt Matthias Stein, Sprecher des Bündnisses für ein Zeugnisverweigerungsrecht in der Sozialen Arbeit (BfZ). „Nicht nur, weil Kolleg*innen persönlich betroffen sind. Sondern auch, weil hier offenkundig ein Exempel statuiert werden soll, dass die grundsätzlichen Errungenschaften der Sozialen Arbeit bundesweit massiv gefährden und zurückwerfen kann.“
Im Zuge ihrer Ermittlungen hat die Staatsanwaltschaft Mitarbeitende des Fanprojekts als Zeug*innen vorgeladen. Diese standen somit vor einem unsagbaren Dilemma: Einblicke aus der Aufarbeitung, die ihnen unter dem Gesichtspunkt absoluter Vertraulichkeit im Rahmen ihrer Arbeit gewährt wurden, an Ermittlungsbehörden weiterzugeben, was vergleichbare Formate für die Zukunft wohl unmöglich gemacht hätte, oder zu schweigen. Als professionelle Mitarbeiter*innen der Sozialen Arbeit entschieden sie sich für Letzteres, um das Vertrauen, das ihnen ihre junge Zielgruppe entgegengebracht hatte, nicht zu gefährden. „Soziale Arbeit benötigt ein besonderes Vertrauensverhältnis, um ihren Auftrag erfüllen zu können“, unterstreicht Georg Grohmann, ebenfalls Sprecher des BfZ.
Ordnungsgelder waren zunächst die Folge, die Beugehaft stand sehr konkret im Raum. Hierauf verzichtete die Staatsanwaltschaft nun, prüft jedoch die Möglichkeit einer Anzeige wegen Strafvereitelung gegen die Mitarbeiter*innen: „Die Politik muss jetzt handeln! Der aktuelle Fall zeigt leider auf eine inzwischen dramatische Art und Weise, wie essenziell ein Zeugnisverweigerungsrecht in der Sozialen Arbeit ist. Das unterstreichen auch unsere verschiedenen Netzwerkpartner*innen und die Wissenschaft seit langem.“, so Georg Grohmann. „Wir Hauptamtlichen in der Sozialen Arbeit brauchen eine Möglichkeit, uns und die Professionalität unserer Arbeit zu schützen. Selbstverständlich fordern wir die Staatsanwaltschaft Karlsruhe auch auf, alles dafür zu tun, dass sich die Mitarbeitenden des Fanprojekts endlich wieder auf ihre Arbeit mit ihrer Zielgruppe konzentrieren können. Ein solcher Fall darf sich unter keinen Umständen wiederholen“, macht Matthias Stein abschließend deutlich.
Kontakt zu den Sprechern des BfZ:
Matthias Stein
ms@fanprojekt-jena.de
0173-3970701
Georg Grohmann
grohmann@bag-streetwork.de
0157-71418265
Als Arbeitskreis Stadionverbote und Repression der BAG-Fanprojekte erreichen uns seit Jahresbeginn 2023 zunehmend Berichte von polizeilichen Übergriffen und Drohungen gegenüber Mitarbeiter*innen der Fanprojekte, die nun mit den Ereignissen rund um das Fanprojekt Karlsruhe um einen neuen bitteren Höhepunkt reicher geworden sind.
Angedrohte Stürmung von Fanprojekt-Räumen, Abhörmaßnahmen, das gezielte Auslesen von Smartphones, auf denen sich auch Nachrichten mit Fanprojekten-Mitarbeiter*innen befinden oder körperliche Angriffe auf Mitarbeitende im Rahmen ihrer Arbeit, Personalienaufnahmen bei dienstlichen Gelegenheiten, aber auch eine zunehmende Anzahl an Vorladungen durch die Polizeien der Länder gehören nicht mehr nur an einzelnen Orten zum Alltag von Fanprojekten.
Wir nehmen diese Maßnahmen mehr und mehr als polizeiliche Eingriffe in die Arbeit der sozialpädagogischen Fanprojekte wahr.
Da im Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB Vlll) eine vertrauliche und anonyme Kontaktaufnahme zu sozialpädagogisch arbeitenden Institutionen garantiert ist und diese zudem auf freiwilliger Basis basiert, müssen wir feststellen, dass das aktuelle Verhalten der Polizeien der Länder und des Bundes unseren Auftrag maßgeblich torpediert und womöglich nachhaltig schadet:
Wieso sollten sich betroffene Fans mit uns in Verbindung setzen, wenn Vertraulichkeit als Basis für das in uns gesetzte weitergehende Vertrauen nicht gewährleistet werden kann? Wie sollten Fanprojekte Angebote aus dem Kontext des Täter-Opfer-Ausgleichs unterbreiten, die dann wiederum aus Smartphones ausgelesen werden? Wieso sollten Fanprojekte die Anreise zu Auswärtsspielen begleiten, wenn bei Regelverletzungen der Fans (und diese streiten wir keines Wegs ab) der Einfachheit halber zunächst mal die Mitarbeitenden vorgeladen werden?
Wir sind keine Gehilf*innen der Polizeien, sondern Sozialarbeiter*innen im Auftrag der Kommunen, der Länder und des Fußballs.
Wir bieten jugendlichen und jungen Erwachsenen Fans Unterstützung und Begleitung an. Wir haben eigene Räume und leisten aufsuchende soziale Arbeit im Kontext Fußball. Wir sind qualifizierte und professionelle Fachkräfte der sozialen Arbeit. Wir sind nah an der Lebenswelt Fußball und bewegen uns in einem komplexen Netzwerk vieler verschiedener Institutionen.
Wir fordern deshalb das Zeugnisverweigerungsrecht auch für die Soziale Arbeit.
Der Arbeitskreis Stadionverbote & Repressionen ist ein Zusammenschluss aus Kolleg*innen der sozialpädagogischen Fanprojekte mit besonderer Expertise in den besagten Themen. Neben der Schulung für Fanprojekt-Mitarbeiter*innen, kollegialer Beratung von Fanprojekten und gelegentlich auch bei Vereinen entsteht ein guter Überblick über aktuelle Entwicklungen. Der Arbeitskreis entsendet für die BAG Fanprojekte eine Vertretung in den Expertenrat Stadionverbote des DFB.
„Folgend möchten wir eine Einordnung der Geschehnisse in Wolfsburg aus der Sicht der Mitarbeitenden des Fan-Projekts Bremen e.V. geben. Über die Maßnahmen am Wolfsburger Hauptbahnhof wurde schon von der Grün-Weißen Hilfe, von Werder Bremen und der regionalen und überregionalen Presse berichtet. Nach unseren Beobachtungen vor Ort stellen auch wir uns die Frage nach der Verhältnismäßigkeit.“ […]
Unser langjähriger Mitarbeiter, Kollege und Freund Ole ist tot. Er hat seinen langen und von vielen Rückschlägen geprägten Kampf gegen die Krankheit verloren.
Die Mitarbeiter*innen und der Vorstand des Fan-Projekts Bielefeld verlieren eine zentrale Persönlichkeit des Fan-Projekts und jemanden, der unser Wirken mehr als 21 Jahre entscheidend mitgeprägt hat.
Das Fan-Projekt und die Fanszene Arminias verlieren zudem einen engagierten Kämpfer für Fan-Interessen. Und auch der DSC, dessen Stärke in großem Maße in den treibenden Kräften seines Umfelds liegt, verliert eine ebensolche Kraft.
Wir sind unendlich traurig und können uns kaum vorstellen, wie das Fan-Projekt Bielefeld in Zukunft ohne Ole sein wird.
Im Jahr 2001 kam Ole Wolff als Sozialarbeiter zum Fan-Projekt. Nicht wenige Fans werden da gedacht haben: “Oha, wen hat das FP uns denn da hingestellt?”. Legendär ist beispielsweise das Foto in der Fan-Post, mit dem er seinerzeit vorgestellt wurde (kann auf Wunsch im FP angeschaut werden).
Schnell wurde aber deutlich, welche Rolle Ole beim Fan-Projekt einnehmen würde und mit welcher Ernsthaftigkeit, welchem Engagement und wieviel Herzblut er für seine Arbeit und die Fans eintreten würde. Gleich im ersten Jahr führte ihn sein Weg auf eine nicht einfache Mission: Wir besuchten die Gedenkstätte des Konzentrationslagers Majdanek und pflegten den Kontakt zu Fans des polnischen Vereins Resovia aus Bielefelds Partnerstadt Rzeszow. Eine Mischung aus Freizeit- und Bildungsangeboten, wie sie auch in den Folgejahren immer wieder einen Arbeitsschwerpunkt bildete. Noch im Jahre 2019 besuchte er mit einer Gruppe Ultras die Gedenkstätten Dachau und Theresienstadt; die letzte Reise dieser Art für ihn.
Auch in der regionalen Erinnerungsarbeit hat Ole deutliche Spuren hinterlassen. So war er eine der treibenden Kräfte der “Julius Hesse AG” des DSC und hat am Themenrundgang “Spurensuche – Arminia und der Nationalsozialismus” mitgewirkt.
Allerdings waren es nicht nur die schweren Themen, die Ole Wolffs Wirken und seinen Wert für uns bestimmt haben: Sein besonderer Humor, seine Diskussionsfreude und nicht zuletzt die Begeisterung für „seine“ Musik zeichneten ihn aus. Insbesondere letztere dürfte ihn bei ungezählten Auswärtsfahrten bis an die Grenzen seiner musikalischen Toleranz gebracht haben: Schlager, Onkelz, Eurodance, HipHop, alles meist nicht so sein Ding. Dennoch hat er in Bussen oder Zügen geduldig den Musikgeschmack der jeweiligen Fangeneration ertragen und sich für die Fans und ihre Interessen, auch gegen ordnungsbehördliche Widerstände, in die Bresche geworfen.
DSC Fans ab Geburtsjahr 1985 kennen Ole vielleicht als Begleiter am Mikrofon von U18-Bussen. Keine Fahrt mit ihm, ohne humorige Lautsprecherdurchsagen zum Quiz oder die gefürchtete Aufforderung zum Aufräumen des Busses. Solche Ansagen gab es natürlich auch bei den vielen Fan-Finals, die er begleitet hat. Dann allerdings mehr als Aufforderung zur Ruhe und dies in den frühen Morgenstunden. Doch auch hier meist mit Humor und Wohlwollen.
Auch im überregionalen Netzwerk der Fanprojekte hat er mit großem Engagement und mit Nachdruck gearbeitet. Hier kam ihm der fachliche Austausch manchmal zu kurz, ein guter Grund, um als Sprecher der nordrheinwestfälischen Fanprojekte aktiv zu werden und den Diskurs anzukurbeln. Eine Aufgabe, die er viele Jahre gerne übernommen hat, dabei hat er auch die Landesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte NRW mitgegründet. Diese ist heute eine wichtige landesweite Interessenvertretung, auch für die Anliegen von Fußballfans.
Zudem hat Ole Wolff das Fan-Projekt-Programm zu Europa- und Weltmeisterschaften der vergangenen zwei Jahrzehnte mitbestimmt und mit geprägt. Hat mit Fans an portugiesischen Stränden gefeiert (EM 04) oder für sie im Jugendzentrum die Leinwand gespannt und den Grill angefeuert. Zur kommenden WM hätte er allerdings sicher nichts gemacht, sondern zu ihrem Boykott aufgerufen.
Der vielleicht größte Verlust tut sich jedoch in der täglichen Arbeit des Fan-Projekts Bielefeld auf. Die für unsere Arbeit so wichtige Analyse der Vorgänge rund um Arminias Fangeschehen bereicherte Ole treffsicherer als jeder Torjäger des DSC.
Er hatte zudem immer ein offenes Ohr für die Probleme und Anliegen der Fans. Durch sein Engagement und seine Lobbyarbeit leistete er einen unschätzbaren Beitrag für die Fankultur in Bielefeld und hat darüber hinaus viele angehende und junge Sozialarbeiter*innen in diesem Arbeitsfeld geprägt.
Die Lücke, die sein Tod hinterlässt, ist nicht zu füllen. Ole Wolff hat im besten Sinne der Fans und des Fan-Projekts das Leitmotiv des DSC für ihre Anliegen verkörpert: stur, hartnäckig und kämpferisch!
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